Marita's Blog

Selbstregulation Teil 3

Wo alles beginnt

 

Heute möchte ich den Blog #3 fortsetzen und werde erklären:

Und

 

Die Fähigkeit unseres Organismus zur Regulation, unsere Resilienz, und unsere Fähigkeit mit Stress umzugehen steht im engen Zusammenhang mit der Entwicklung unseres Nervensystems und aller damit verbunden Systeme.

Die Zeit im Mutterleib und in den ersten Jahren im Leben eines Kindes sind diesbezüglich sehr bedeutungsvoll.

Denn ein Säugling, ein kleines menschliches Wesen, ist in den ersten Monaten seines Lebens noch nicht in der Lage sich selbst zu regulieren und in seinen ersten Lebensjahren auch nur bedingt.

Es braucht in jedem Fall eine auf ihn eingestimmte Bezugsperson. Und es braucht die Erfahrung einer sicheren Bindung. Denn auf beides ist es für seine gesunde Entwicklung angewiesen.  

In dieser Zeit seines Lebens ist es weder in der Lage mit Stress adäquat umzugehen, noch sich eigenverantwortlich um die Befriedigung seiner grundlegenden Bedürfnisse zu kümmern.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Entwicklung des Gehirns und des gesamten Nervensystems eng mit der Entwicklung der Bindungsbeziehung verbunden ist.

Der wichtigste Stimulus für den Säugling in dieser Zeit seiner Entwicklung ist die Face-to-Face Kommunikation mit seiner primären Bezugsperson.

Im optimalen Fall ist die primäre Bezugsperson eingestimmt auf die unterschiedlichen Signale und Bedürfnisse des Kindes. Das erleichtert dem Kind die Informationsverarbeitung und ist für seine gefühlsmäßige und emotionale Entwicklung von zentraler Bedeutung. Für einen Säugling, für ein Kleinkind ist es also in vielerlei Hinsicht wichtig, dass die primäre Bezugsperson eingestimmt auf seine Signale reagiert. Die Bezugsperson bewahrt damit das Kind vor einer Über- oder Unterstimulation und hält sein Aktivitätsniveau auf einem optimalen Level. Entscheidend hierbei ist, dass die Bezugsperson immer wieder die Erregung des Kindes herunterreguliert und im wohlwollenden Kontakt mit ihm bleibt. Diese Regulationsmechanismen sind die Vorläufer der gefühlsmäßigen Bindung. Wichtig ist hierbei nicht nur die Herunterregulierung negativer Gefühlszustände, sondern auch das häufige Herstellen von spielerischen und freudigen Gefühlszuständen im Kind.

Die frühkindliche Regulation erfolgt also durch ein „Ankoppeln“ des kindlichen Gehirns an ein Erwachsenengehirn durch emotionale Kommunikation. Das kindliche Gehirn entwickelt sich sozusagen über eine Gehirn-zu-Gehirn-Interaktion.

Das alles setzt die Fähigkeit der primären Bezugspersonen voraus, sich gut auf das Kind einstimmen zu können und die eigenen Emotionen selbst gut regulieren zu können!

Das ist ein wichtiger Aspekt. Denn Bezugspersonen, die sich selbst nicht gut regulierten können, oder selbst ein dysreguliertes Nervensystem haben, können ihrem Kind nicht nur nicht bei der Regulation helfen, sondern übertragen leicht ihren eigenen Stress, eigene Ängste, eigene Sorgen, eigene Trauer, eigene Übererregtheit, oder z.B. auch ihr innerlich abwesend sein, auf das Nervensystem ihres Säuglings. Ich möchte hier betonen, dass ein kindliches Nervensystem keinen Schaden nimmt, wenn es solche Situationen ab und zu erlebt, gehören sie aber zum Erfahrungsalltag des Säuglings, des Kleinkindes, können die Auswirkungen erheblich sein.

 

Die Entwicklung des Gehirns, die Entwicklung neuronaler Verschaltungen eines Säuglings/Kleinkindes werden also maßgeblich beeinflusst durch seine frühkindliche Bindungserfahrung und dem Stress, dem es in dieser Zeit seines Lebens, ausgesetzt ist. Beide Faktoren haben auch Auswirkungen auf die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung des Kindes.

 

Fassen wir also nochmal zusammen:

Die Selbstregulationsfähigkeit eines Menschen, seine Resilienz und damit seine Fähigkeit mit Stress adäquat umzugehen entwickeln sich bereits sehr, sehr früh in seinem Leben!

Um eine gute Selbstregulationsfähigkeit zu erlernen und so später über eine gute Resilienz und Stressbewältigungskompetenz zu verfügen, ist ein kleines Menschenwesen auf mindestens eine auf ihn eingestimmte Bezugsperson angewiesen, die ihm in der ersten Zeit seines Lebens Co-regulierend zur Seite steht. Denn in dieser Phase seiner Entwicklung kann es das noch nicht allein.

Außerdem braucht es für seine gesunde Entwicklung, auch für eine gesunde Entwicklung seiner Regulationsfähigkeit, die Erfahrung einer sicheren Bindung, in der seine Bedürfnisse gesehen, richtig interpretiert und entsprechend beantwortet werden.

Geschieht dies nicht, gerät der kindliche Organismus stark unter Stress.

Macht ein Säugling die Erfahrung, dass auf seine Signale und Bedürfnisse nicht angemessen reagiert wird, oder es einer ständigen Überreizung ausgesetzt ist, oder es zu wenig Ansprache erfährt, wird es zuerst protestieren (z.b. Weinen, quengeln, Schreien ….. ) Bleibt eine Reaktion dann immer noch aus, und wiederholt sich diese Erfahrung oft, wird es aufgeben und verstummen. Äußerlich ist das Kind nun ruhig und „scheint es verstanden und akzeptiert“ zu haben, doch seine innerliche Welt ist ein völlig andere. Für ihn sind solche Erfahrung mit starkem Stress und einem Gefühl von Bedrohung verbunden.

 

Ich möchte zum Verständnis noch einmal etwas weiter ausholen. Die in uns wirkenden Systeme sind im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden und immer noch aktiv. Neben dem Bindungssystem ist im Laufe der Evolution noch ein weiteres wichtiges System entstanden. Das Selbsterhaltungssystem. Beide Systeme dienen unserem Überleben. In einer Gemeinschaft, mit ihren Untergruppen wie z.B.  einer Familie, sind wir sicherer als allein. Zu einer Gruppe zu gehören erhöht unsere Chancen gesund zu bleiben und länger zu leben. Wir schätzen und nutzten den Schutz und die Vorteile einer Gruppe. Und gleichzeitig ist auch das  Selbsterhaltungssystem für jeden von uns von Bedeutung. Die zum Selbsterhaltungssystem gehörenden Verhalten sind Kampf, Flucht oder Erstarren (sich totstellen). In bestimmten Situationen mussten und müssen wir uns behaupten, oder unser Wohlergehen, oder das unserer Liebsten sichern. Wir setzten uns für uns und unserer Interessen ein, oder wollen andere schützen. Wenn nötig kämpfen wir auch, oder verteidigen uns. Sind oder fühlen wir uns unterlegen, haben wir tatsächlich, oder vermeintlich keine Chance einen Kampf zu gewinnen, entschieden wir uns als zweite Option zu fliehen. Nur wenn weder Kämpfen noch Flüchten sinnvolle Optionen sind, „wählen“ wir das sich Totstellen, oder das Erstarren, als einzig noch verbleibende Überlebens-Alternative. Wir landen in der Immobilität. In Gefahrensituationen werden diese  Entscheidungen blitzschnell von unserem autonomen Nervensystem getroffen.

In Stresssituationen ist das Selbsterhaltungssystem dem Bindungsverhalten immer übergeordnet.

Auf unsere Situation mit dem Säugling oder Kleinkind übertragen bedeutet dies, macht es zu oft die Erfahrung, dass seine Signale nicht gehört / gesehen werden, dass niemand kommt, niemand da ist, niemand sich kümmert, dass niemand hilft und dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, gibt es auf und zieht sich zurück. Übertragen auf evolutionäre Mechanismen geht es in den Totstellreflex, in die Immobilität.

Ein Säugling / ein Kleinkind hat ja weder die Möglichkeit zu kämpfen noch zu fliehen. Aufgeben ist seine einzige Möglichkeit.

Viele solcher Erfahrungen hinterlassen Spuren in der Psyche, im Körper und eben auch im Nervensystem des heranwachsenden Kindes. Die Entwicklung und die Bindungserfahrung eines kleinen menschlichen Wesens werden so erheblich beeinträchtigt, die Folge können Entwicklungs- und Bindungstrauma sein.

Für unser Thema Selbstregulationsfähigkeit bedeutet dies:

Wird der Aufbau einer gesunden Selbstregulierungsfähigkeit kein wesentlicher Bestandteil unserer Entwicklung, hat dies eine destabilisierende Wirkung, und ohne diese zentrale Grundvoraussetzung wird das Leben zum Kampf.

Ist das Kind also viel zu früh in seinem Leben, viel zu oft viel zu heftigen Erfahrungen und Situationen ausgesetzt ist die Selbstregulationsfähigkeit seines Nervensystems erheblich eingeschränkt. Das Nervensystem ist deutlich weniger flexibel und in seiner gesamten Funktion erheblich beeinträchtigt. Im späteren Verlauf seines Lebens stehen dem Menschen dann viel weniger Handlungsmöglichkeiten und Alternativen zur Verfügung. Ein Mensch mit einem derart schwachen   Nervensystem hat weniger Spielraum und ist wesentlich schneller “am Anschlag“. So ein Nervensystem signalisiert entweder weiterhin ständig ein Gefühl von Bedrohung und Gefahr, oder befindet sich total heruntergefahren eher in einem Zustand von Immobilität.

Wissenschaftlich ausgedrückt sprechen wir in all diesen Fällen von einem dysregulierten Nervensystem, deren Ursache öfter als man es für möglich hält, Bindungs- und Entwicklungstrauma sind.

Auch andere traumatische Ereignisse bringen extremen Stress mit sich, der, ist das Trauma nicht verarbeitet, im Nervensystem gebunden bleibt.

Es gilt: Umso früher ein Organismus zu großem Stress ausgesetzt ist, umso gravierender sind die Folgen.

 

Doch zu jeder Zeit seines Lebens kann ein Mensch in Situationen oder Lebensumstände geraten, die ihn, bzw. sein Nervensystem dauerhaft aus dem Gleichgewicht bringen und es in einen dysregulierten Zustand bringen und halten.

Wie wir mittlerweile wissen hat anhaltender Stress immer verheerende Auswirkungen, sowohl auf unser Nervensystem wie auch auf den gesamten Organismus. Ab einem bestimmten Punkt sind wir dann trotz bester Absichten und Bemühungen nicht mehr in der Lage „runter zu fahren“.

Stress ruft im Organismus ein Gefühl von Unsicherheit hervor und Unsicherheit löst ein Gefühl von Bedrohung aus.

Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer tatsächlichen oder empfundenen Gefahr. In beiden Fällen wird die körperliche Stressreaktion in Gang gesetzt.

Bei Dauerstress findet der Mensch nicht mehr in die            Erholungs-/Entspannungsphase, weil sein Nervensystem sich ununterbrochen in einem Aktivierungszustand befindet.

Ohne ausreichend Erholung kann sich Stress auf die gesamte Gesundheit auswirken, was den Körper dauerhaft beeinträchtigt. Auch die psychischen Belastungen sind nicht zu unterschätzen.

Dauerstress macht sich überall im Körper bemerkbar.

Besonders im Gehirn entstehen dabei nachhaltige Folgen. In einer kurzen Stresssituation erhöht sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Doch bei langanhaltendem Stress wird es auf Dauer überlastet. So schrumpft die Gehirnmasse und die Verästelungen des Gehirns nehmen ab. Dadurch verschlechtert sich auch die Gedächtnisleistung. Im schlimmsten Fall kann bei chronischem Stress ein Schlaganfall auftreten.

Auch die Sinnesorgane reagieren auf Stress. An den Ohren sind dabei Tinnitus oder sogar ein Hörsturz typische Stresssymptome.

Das Herz-Kreislauf-System wird durch chronischen Stress geschwächt. Forscher haben herausgefunden, dass Dauergestresste etwa doppelt so häufig unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden wie wenig Gestresste. Typische Symptome sind Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und in Folge verstärkte Ablagerungen in den Gefäßen. All diese Faktoren erhöhen das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Zudem kann es unter starkem Stress auch zu Herzrhythmusstörungen kommen.

Die Auswirkungen von Stress machen sich außerdem im Magen-Darm-Trakt bemerkbar. Durch die vermehrte Anzahl von Stresshormonen produziert der Körper mehr Magensäure. Dadurch leiden Betroffene häufiger unter unangenehmem Sodbrennen. Zudem besteht ein höheres Risiko für Magengeschwüre. Weitere Stressfolgen im Magen-Darm-Bereich sind chronische Verdauungsprobleme, z. B. Verstopfung oder Durch

Stress gilt auch als großer Risikofaktor für Diabetes.

Ist der Körper in Alarmbereitschaft, ist das Immunsystem für kurze Zeit gestärkt. So kann es Infektionen schneller abwehren. Doch das Stresshormon Kortisol schwächt die Abwehrkräfte des Immunsystems auf Dauer. Bakterien und Viren können den Organismus leichter angreifen und werden nur wenig erfolgreich abgewehrt. Dadurch leiden Gestresste häufiger an Infektionskrankheiten und brauchen länger, um wieder gesund zu werden.

Durch die ständige Alarmbereitschaft des Körpers ist die Muskulatur dauerhaft angespannt. Diese Verspannungen machen sich meist im Kopf-, Schulter- und Rückenbereich bemerkbar. Die Folge sind Kopf- und Rückenschmerzen, die ohne ausreichende Entspannung zu chronischen Belastungen werden können. Dadurch ist der Körper erschöpft und weniger leistungsfähig.

Die Folgen von Stress zeigen sich auch auf der Haut. Zum Beispiel in Form von hektischen Flecken, Rötung, Ausschlag, Akne. Neurodermitis Betroffene wissen das aus leidvoller Erfahrung. Auch die Symptome der Hautkrankheiten wie Schuppenflechte und Nesselsucht können sich durch dauerhaften Stress verstärken.

Neben den körperlichen Auswirkungen von Stress leiden Betroffene auch unter psychischen Problemen. Kurzfristig entstehen dabei folgende Beschwerden:

Innere Anspannung und Unruhe
Konzentrationsschwierigkeiten
Nervosität
Reizbarkeit
Unzufriedenheit
Angst und Wut
Ohne ausreichende Erholung kann der Dauerstress schwerwiegendere psychische Erkrankungen hervorrufen, bis hin zu

·       Depression

·       Burnout

·       Panikattacken

 

Einige Menschen erkennen einen Zusammenhang zwischen ihren Stressoren, dem dadurch verursachten dauerhaft hohen Stresspegel und ihren körperlichen Symptomen.

Doch frühe traumatische Erfahrungen, wie weiter oben beschrieben, die erschreckend viele Menschen mehr oder weniger stark erlebt haben, werden ja meist gar nicht erinnert und wirken sich deshalb im späteren Leben meist viel subtiler aus.

Wer käme schon auf die Idee, zum Beispiel bei

·       Migräne

·       Ständigen Magen-Darm-Beschwerden

·       Nicht weg zu bekommende Muskelverspannungen

·       Chronische Schmerzzustände

·       Immunerkrankungen

·       Chronischem Erschöpfungssyndrom

·       Bestimmten Formen von Asthma

·       Schlaf- oder Essstörungen

·       Angst- und Panikattacken

·       Zwänge

·       Depressionen und Suchtverhalten

·       Aber auch emotionaler Instabilität

·       und auch plötzlichen Wutanfällen

traumatischen Stress als Ursache in Erwägung zu ziehen.

 

Ist das Nervensystem eines Erwachsenen bereits seit seiner Kindheit in einem dysregulierten Zustand und seine Resilienz dadurch gering, kommen ja auf ein bereits eh nur noch eingeschränkt funktionierendes Nervensystem im späteren Leben weitere Stressauslöser hinzu. Der Mensch kommt hier unausweichlich wesentlich schneller an seine Belastungsgrenze, oder bewegt sich sowieso schon immer im Überlastungsbereich.

 

Sich stabil, ausgeglichen und wohl zu fühlen ist ein so wichtiges Bedürfnis, dass wir bei Dysregulation oft versuchen werden, uns die erforderliche Regulierung zu verschaffen.

Auch wenn ich in diesem Beitrag nicht mehr darauf eingehe, wie das gelingen kann, möchte ich doch ausdrücklich betonen:

·       Das Nervensystem kann lernen wieder flexibel zu reagieren und selbständig in ein Gleichgewicht zurückfinden.

·       Und zwar am besten durch und über den Körper.

·       Wohldosiert und schrittweise.

Dazu mehr in einem meiner nächsten Beiträge.

Für heute soll es gut sein. Diesmal ist es ein ziemlich langer  Blogbeitrag geworden, mit vielen Informationen und Einblicken in komplexe Systeme. Ich hoffe, dass die Lektüre verständlich, interessant und hilfreich gewesen ist und kurzweilig zu lesen war.

Von Herzen, Marita Imkamp

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